espalasraegamar  
 
  "Espalas raeg Amar" als Text 23.10.2017 22:25 (UTC)
   
 
Hier findet ihr den Roman in Textform. Es wird so oft wie möglich aktualisiert, versprochen. Viel spaß beim Lesen.

1

Fall in die falsche Richtung

 

Manchmal ist man allein in der Welt. Einzigartig. Das war ich auch.

In Mittelerde gab es viele Wesen, lichte und dunkle, doch ich passte nirgendwo hinein. Das stellte ich bereits an meinem ersten Tag dort fest. Es klingt unglaubwürdig, wenn ich sage, ich fiel nach Mittelerde, aber es ist wahr, und wer dies nicht glauben mag, dem kann ich nur raten, diese Geschichte sein zu lassen und sich anderen Dingen zuzuwenden, welche ihm wichtiger erscheinen.

Es war Ende Februar. Und es sollte das Ende meines Lebens sein. Ich war unzufrieden, allein in meiner Welt, gefangen in einem Leben, das mich einengte und zwang, zu sein, was ich nicht war. Ich war bereit, dieses Leben hinter mir zu lassen, es endgültig abzuschließen und mich dem freien Fall hinzugeben. Zu fallen und dann das Nichts zu spüren, das mich umfassen würde, wenn ich starb. Wenn ich aufschlug.

Ich fuhr im Fahrstuhl des höchsten Gebäudes in München, dem Hochhaus Uptown. Es ragte in die Höhe, siebenunddreißig Stockwerke hoch. Ich würde springen. Fallen. Aufschlagen. Frei sein. Das war mein Plan gewesen.

Zum 37. Mal sagte die elektronische Frauenstimme das Stockwerk an. Ich stieg aus. Am Ende des Korridors war eine gläserne Tür, die auf eine Art Balkon führte. Ich sah mich um. Außer mir war niemand hier. Ich ging zu der riesigen Glasscheibe, öffnete sie und ging hinaus. Ich stieg auf die Brüstung und breitete die Arme aus. Ein kalter Luftzug durchwirbelte meine Haare. Ich hörte Stimmen und Schritte hinter mir. Ich drehte mich um. Zwei Männer in Anzug und eine Frau in Kostüm kamen heran. Die Frau entdeckte mich zuerst. Sie riss die Augen auf und kreischte laut. Einer der Männer rief mir zu, ich solle dort runter kommen. Seine Stimme klang panisch. Ich lächelte ihn an, entschuldigend, selig in Erwartung des Todes. Dann stieß ich mich ab. Ich hörte ein erneutes Kreischen der Frau, aber nur kurz, denn der Wind verschluckte es.

Die Luft rauschte an meinen Ohren vorbei. Ich fiel, immer schneller. Es war kalt, aber das machte mir nichts aus. Gleich würde es vorbei sein. Gleich würde alles vorbei sein.

Ich schloss die Augen und wartete auf den Aufprall auf dem Pflaster vor dem Hochhaus Uptown.

Ich prallte auf, aber es war nicht vorbei. Ich hatte mir den Aufprall härter vorgestellt. Und tödlicher. Ich spürte meinen Körper noch viel zu sehr. Das war nicht der Tod. Das war das Leben. Ich begann, meine Glieder zu bewegen. Alles noch dran. Nichts gebrochen. Alles heile.

Verdammt.

Ich murmelte Flüche in mich hinein. Warum hatte es nicht geklappt? Ich müsste jetzt tot sein. Wo war das Nichts, die Wärme, das Licht, in das man angeblich ging?

Moment.

Es war warm.

Zu warm für Februar.

Und zu trocken.

Ich war mir hundertprozentig sicher, dass Schnee gelegen hatte. Dass es kalt gewesen war.

Und ich war mir hundertprozentig sicher, dass der Boden vor dem Hochhaus Uptown aus Stein gewesen war. Ich tastete den Boden ab. Das war Gras. Warum war da Gras? Nicht das bisschen Gras, das manchmal in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen wuchs, sondern eine Wiese.

Ich öffnete die Augen. Alles war etwas verschwommen. Als erstes erblickte ich viele nackte, bepelzte Füße. Ich rappelte mich langsam auf und blickte mich um. Da waren Menschen. Kleine Menschen, stellte ich fest als ich aufrecht stand. Sehr klein. Die meisten gingen mir gerade einmal bis zur Hüfte. Und die sahen aus wie Erwachsene, nicht wie Kinder.

Ich schloss die Augen wieder, öffnete sie, schloss sie erneut und öffnete sie wieder. Ich blinzelte ein paar Mal ungläubig durch die Gegend, versuchte, diese grüne, warme Umgebung und die kleinen Wesen mit dem Campus vor dem Hochhaus Uptown in München und den hektischen (normalgroßen) Menschen in eine Realität, in eine einigermaßen logische Erklärung zu zwängen.

Ich scheiterte kläglich.

„D-Das ist doch nicht… das kann doch nicht…!“ stammelte ich. Ich guckte in die kleinen Gesichter, der Reihe nach, einmal um mich herum.

Die kleinen Leute waren rundgesichtig, hatten krauses Haar oder Locken, wache, blitzende Augen und viele Lachfalten. Sie guckten mich ebenso erstaunt an wie ich sie, aber aus ihren Blicken sprach eher Neugier als Misstrauen.

Die kleinen Leute begannen zu murmeln. „Eine Große!“ wisperte es aus einer Ecke. „Ja! Eine Große, eine Große!“ Ich schluckte. „Verschreckt sie doch nicht gleich!“ rief eine rundliche Frau (und das musste man maßstäblich sehen, sie waren alle nicht gerade schlank) und hob drohend ihren kleinen Zeigefinger. Sie wandte mir ihr herzliches Gesicht zu. „Guten Tag“, sagte sie freundlich, aber auch etwas unsicher. Sie streckte ihre kleine Hand nach mir aus. Ich nahm sie entgegen. „H-Hallo!“ „Woher kommt du, Fremde? Es ist selten, dass wir hier fremde Leute zu Gast haben, und noch seltener große Leute. Und noch nie hatten wir jemanden in solch ungewöhnlichen Kleidern und noch nie war jemand einfach so da, wie durch Zauberei!“ Den zweiten und dritten Satz sagte sie sehr schnell mit einem etwas nervösen Unterton.

„Ich – ich bin – ich komme aus München“ stammelte ich. „München?“, murmelten die kleinen Männchen los, „München?“ „Meint sie vielleicht die Mückenwassermoore?“ „Ach Unsinn, da kann man doch nicht wohnen!“ „Ein paar merkwürdige Leute gibt es immer, bei den Großen sowieso!“ „Unsinn, sage ich, nicht mal die sind so verrückt!“ Und so weiter. Ich verstand schnell, dass diese kleinen Leute keine Ahnung hatten, wo München war.

„Jetzt hört aber auf!“ rief die rundliche Frau, und Ruhe trat ein. „Ihr benehmt euch wirklich unfreundlich unserem Gast gegenüber, schämen solltet ihr euch! Das arme Ding…“ Sie wandte sich wieder an mich. „Wie seid Ihr hierher gelangt? Ihr wart auf einmal da… Seid Ihr eine Zauberin?“ Ihre Augen wurden groß bei dieser Frage, und auch die Anderen um uns lauschten neugierig auf meine Antwort. „Ich weiß es selbst nicht genau“, sagte ich leise und sank zusammen. Ich schlang meine Arme um mich. „Ich weiß es eigentlich gar nicht! Ich weiß es nicht! Ich sollte jetzt eigentlich ganz woanders sein!“ Die kleine Frau legte tröstend ihre Hand auf meinen Unterarm. „Und wo, wenn ich das fragen darf?“ sagte sie sanft. Ich schluckte und atmete zittrig ein und aus. „An einem Ort, von dem man nicht wieder fortgehen kann“, flüsterte ich. Ich erzählte den kleinen Wesen von meinem Selbstmordversuch. Selbstverständlich verstanden sie nicht alles, besonders nicht meinen Grund, schließlich kannten sie München nicht. Allmählich bekam ich das Gefühl, ich wäre in einer anderen Welt gelandet, eine Welt, in der es kein München, kein Deutschland, kein Europa gab, sondern andere Städte und Länder. Aber das war doch unmöglich! Oder?

 

Die Hobbits, wie sich dieses kleine Volk nannte, hatten viel Sinn für Familie, wie ich bald feststellte, und sie nahmen gern jeden darin auf, der ihnen freundlich gesinnt war. Die kleine rundliche Frau, deren Name Ruby Pausback war, wie sich bald herausstellte, bestand darauf, dass ich bei ihr wohnen sollte. Ihr Haus, wie sie es nannte, war eher eine kleine Hütte, die in einen Hügel eingelassen war. Die Tür war kaum groß genug um ein zehnjähriges Menschenkind einzulassen, und auch ich hatte meine Probleme damit, durch die kreisrunde rote Tür zu gelangen. Und drin stehen konnte ich auch nur gebückt, weshalb Ruby bald den Vorschlag machte, ich solle mit Hilfe einiger Zimmermänner ein Haus für mich errichten. Sie bestand allerdings darauf, dass es nicht allzu weit weg von ihrer Höhle sein sollte, denn für sie gehörte ich nun zur Familie. Sie hatte mir einen neuen Namen verpasst, weil ich meinen nicht nennen konnte. Ich war mir sicher, dass dies nur neue Aufregung und Fragen hervorrufen würde. Und es tat mir gut, nicht an dieses Leben erinnert zu werden. Es tat mir gut, hier zu sein, denn alle waren freundlich und zuvorkommend. Es schien ihnen Spaß zu machen, mich zu umsorgen wie eine von ihnen, sie gingen voll darin auf.

Zwei Zimmermänner, Bodo Pausback (Rubys Bruder) und Edgar Schmerbauch (ebenfalls ein entfernter Verwandter), halfen mir beim Bau eines Hauses im Wipfel einer Eiche, die gegenüber von Rubys Höhle stand. Ich hatte Baumhäuser schon als Kind geliebt und dies wäre eine Möglichkeit, niemandem Platz wegzunehmen.

Nach typischer Bauweise der Hobbits wurde das Haus rundlich und etwas gedrungen, aber hoch genug, dass ich darin aufrecht stehen konnte und selbst dann noch etwa einen Meter platz war. Um das zu bauen musste ich zwar Edgar einen ganzen Tag lang auf den Schultern tragen, aber das störte mich nicht besonders, da er zwar dick war, aber das auch nur im Verhältnis zu seiner geringen Körpergröße und so nicht schwerer wog als ein Kleinkind.

Als ich das Haus bezog veranstalteten die Hobbits ein großes Fest, was ich zuerst nicht verstand, denn was war so großartig daran, dass ich in diesem kleinen Baumhaus wohnen würde? Aber nach nur einem Monat in ihrer Gesellschaft stellte ich fest, dass diese kleinen Leute gern feierten, besonders da es dann noch mehr zu essen und zu trinken gab als schon für gewöhnlich (ich galt hier als dürr und dem Speisen abgeneigt) und man gern tanzte und lachte und dies deshalb nur allzu oft auch tat.

Also veranstalteten die Pausbackens eine große Feier für mich, obwohl ich oft genug um das Gegenteil bat, aber das wurde geflissentlich überhört und man fuhr fort, Kuchen zu backen, Wein zu keltern und Einladungen in alle Welt zu verschicken. Und alle außer mir schienen sich ungeheuer auf das Ereignis zu freuen, denn oft hörte ich, wenn mir jemand auf der Straße entgegen kam ein fröhliches „Bis zur Feier, Alina!“, denn dies war mein Name bei den Hobbits geworden, Alina Pausback, und dies sollte mir recht sein, solange keiner weitere Fragen stellte.

Doch das war nicht einfach, denn die Hobbits stellten genauso gern neugierig Fragen, wie sie ausgelassen feierten und schmausten. Zwar interessierten sie sich nicht für das, was außerhalb des Auenlandes vor sich ging, manche besonders eigenartige Gesellen nicht mal für das, was außerhalb ihres Dörfchens Michelbinge geschah, doch nur zu gern lauschten sie Geschichten aus anderer Leute Leben, und besonders dann, wenn diese Leute zu Familie gehörten, was ich ja neuerdings tat, und im Prinzip war hier auch jeder mit jedem verwandt, wenn man es genau nahm. Und die Hobbits nahmen es leider sehr genau.

Also erzählte ich diesen Leuten widerstrebend wieder und wieder und wieder von meinem versuchten Suizid, von München und meinem verkorksten Leben dort, so oft sie es hören wollten, denn so sehr mich ihre Fragerei auch störte – verärgern wollte ich sie nicht, nach allem, was sie für mich taten. Und schließlich wusste ich, dass sie es nicht bös meinten, was das Ganze wiederum angenehmer machte, denn die Hobbits versuchten, mich zu verstehen, allen voran Ruby, Bodo und Edgar, die schon bald mehr über mich wussten als alle die ich kannte oder jeh gekannt hatte, und sie waren so gütig, nicht selten die Erzählerei für mich zu übernehmen. Insgeheim denke ich aber noch immer, dass sie es eher darauf abgesehen hatten, selbst ein bisschen von der Aufmerksamkeit abzubekommen. Aber auch das gönnte ich ihnen.

Ich stellte fest, dass ich die Hobbits nur eben so seltsam finden konnte wie sie mich: Trotz ihrer geringen Körpergröße konnten sie beinahe doppelt soviel essen wie ich, und das bezeichneten sie als „Zwischenmahlzeit“. Man sah ihnen das zwar an, aber geringer, als ich das erwarten würde, und nicht selten ertappte ich mich dabei, wie ich darauf wartete, dass einer von ihnen platzte, nicht zuletzt bei ihren ausgelassenen Feiern.

Sie feierten bei jeder Gelegenheit, Geburtstage, Hochzeiten, Ankünfte, Abreisen (auch wenn die Hobbits nie weiter reisten als bis nach Bree, und das galt schon als weit), Umzüge, diverse Feiertage und makabererweise auch Begräbnisse wurden mit viel Wein und Bier begossen, es wurde viermal so viel an Nahrung verschlungen wie sonst und es wurde getanzt und gelacht bis der Morgen kam, nicht selten länger. Aus purer Höflichkeit nahm ich an ihren unzähligen Festlichkeiten teil, aber ich blieb nie sonderlich lang und hütete mich, ihnen in ihren Ess- und Trinkgewohnheiten nachzueifern. Aber ich fand Gefallen an ihren Tänzen und allein um deren Willen kam ich öfter als ich es sonst getan hätte.

Die meiste Zeit aber verbrachte ich mit Spaziergängen in den Wäldern und Feldern. Das Auenland besaß eine wundervolle Natur, überall war es grün und kleine Bächlein und Teiche fanden sich überall verteilt. Das Wetter war wie geschaffen für ein solches Leben, es regnete selten, fast nie, und selbst dann war es zumeist nur ein kleiner Schauer. Ich wanderte bald noch in Schuhen, bald barfüßig wie meine neuen kleinen Freunde, da meine Schuhe schnell kaputt waren und ich das Angebot, mir neue Schuhe machen zu lassen, nicht annehmen konnte. So erkundete ich oft das Auenland, zuerst nur die mehr oder weniger nähere Umgebung von Michelbinge, später ging ich bis nach Bree, aber davon wird noch die Rede sein. Ich verbrachte diese Wanderungen meist allein, manchmal begleitete mich ein jüngerer Hobbit namens Mirko Strammbein, der besonders einen Narren an mir gefressen zu haben schien. Ruby glaubte, dass dieser Vetter sonst-wie-vielten Grades (außer den Hobbits gab es anscheinend kein Volk, dass sich das alles merken konnte) um meine Hand anhalten wollte und riet mir, anzunehmen, da er ja so ein vortrefflicher Hobbit sei und ein guter Bursche. Aber ich war mir sicher, dass sie da nur etwas falsch verstand, denn Mirko machte nicht einmal Andeutungen und verhielt sich nur wie ein sehr treuer und guter Freund. Wir erforschten jeden Zentimeter in der Umgebung und übernachteten nicht selten im Freien unter einer Buche. Selbst das war nicht gefährlich im Auenland, denn es gab keine gefährlicheren Tiere als Füchse und selbst diese hielten sich nicht mit dem Angreifen auf Hobbits oder auch Menschen auf.

Alles in allem hatte ich eine wundervolle Zeit in Michelbinge und im Auenland, und schnell war ein Jahr vorüber. Ich wurde langsam aber sicher uninteressanter, und ich genoss es, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Die Hobbits behandelten mich bald als ob ich schon immer bei ihnen gelebt hätte und mir kam es auch immer mehr so vor. Ich vergaß München nach und nach, es verschwand in einer Schublade in meinem Hinterkopf und ich dachte nicht mehr daran, denn ich hatte hier ein neues Zuhause. Aber nachts quälten mich Albträume von meiner Mutter, die wieder mit mir schimpfte, weil ich nicht war wie sie es sich wünschte, von meinem Vater, den ich auf der Straße zufällig mit anderen Frauen sah, Frauen, die nicht meine Mutter waren, von meinem Großvater, der im Krankenhaus an verschiedenen Apparaturen hing und nicht aufwachte, obwohl sein Herz schlug, und immer wieder suchten mich im Schlaf die Erinnerungen an die Leiche meiner großen Schwester heim.

Meine große Schwester war in diesem vergangenen Leben meine Gefährtin gewesen, sie hatte mich oft verteidigt, wenn meine Mutter mit mir zankte, und mich getröstet, obwohl es ihr selbst nicht besser ging. Dann war ich für sie da.

Niemand sonst aus der Familie wusste, dass meine Schwester süchtig nach Tabletten war, illegalen Kapseln, die sie zwar glücklich wirken ließen, aber es hatte sie schnell ausgemergelt und blass gemacht. Um diese Tabletten zu bekommen arbeitete sie neben ihrem Job als Einzelhandelskauffrau als Reinigungsfachkraft und ging auch ab und zu nachts auf die Straße. Sie sagte nie genau, was sie dort machte, aber ich erahnte es und machte mir Sorgen um sie.

Nur einmal hatte ich den Versuch unternommen, meine Schwester von diesen Tabletten loszukriegen. Damals schüttete ich die Kapseln in die Toilette. Aber als sie das herausfand wurde sie wütend, beschimpfte mich und schlug auf mich ein. Dann brach sie in Tränen aus und fragte mich, warum ich sie so unglücklich machte. „Verstehst du mich denn gar nicht?“ fragte sie, weinend, die Arme um sich geschlungen. Auch dieser Anblick geisterte durch meine Träume.

Eines Abends kam meine Schwester nicht wieder von Arbeit, von ihrem Job als Putzfrau. Als ich dann um elf Uhr die Polizei verständigte (meine Mutter meinte, meine Schwester wäre wieder bei ihrem Freund, welcher nur in den Köpfen meiner Eltern existierte), berichteten mir die Beamten, dass sie sie bereits gefunden hätten: erschossen im Treppenhaus eines Hotels, in dem sie putzte. Erschossen von einem Mann, der meine Schwester anscheinend auch sexuell belästigt hatte, und als sie sich wehrte wurde er handgreiflich. Ab da war ich allein. Das war zwei Monate vor meinem Sprung vom Hochhaus Uptown gewesen.

 

„Alina, ist alles in Ordnung?“ Schweißgebadet wachte ich auf und blickte Ruby ins Gesicht. „Du hast wieder geschrieen.“ „Oh… Entschuldige, ein… Albtraum.“ „Schon wieder?“ fragte Ruby entsetzt. Ich nickte. „Oh jeh… Aber soviel hast du doch gar nicht gegessen!“ Ruby führte meine Alpdrücke immer – wirklich immer! – auf Essen zurück. „Genau genommen hast du viel zu wenig gegessen, du hast wahrscheinlich einfach Hunger, stimmt´s? Natürlich stimmt das, und deshalb geh ich jetzt in die Küche und koch dir was schönes, ja? Natürlich tu ich das, natürlich! Das kommt davon wenn du immer so wenig isst, du träumst schlecht und dann wachst du schreiend auf und weckst nebenbei die ganze Nachbarschaft!“ „Es tut mir Leid, aber ich krieg nicht mehr runter, ich kann einfach nicht“, murmelte ich. „Ach Unsinn, natürlich kannst du mehr essen, du willst nur nicht! Aber von mir aus, wenn dir meine Speisen nicht schmecken…“ Sie zog ein beleidigtes Gesicht. Ich seufzte. Also die selbe Prozedur wie jede Nacht.

„Ruby… Natürlich schmeckt mir dein Essen, sehr sogar. Und jetzt fühle ich mich sogar ein bisschen hungrig…“ Bei den letzten Worten hellte sich Rubys rundes Gesicht unter den krausen dunkelblonden Haaren auf. „Ich geh in die Küche!“ Schneller als ich gucken konnte wuselte Ruby zum Ausgang meines Baumhauses und kletterte die Strickleiter hinab. Ich seufzte. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber jetzt musste ich wohl oder übel alles verschlingen, was Ruby mir auftischte, und unter einem „Mitternachtssnack“ verstanden Hobbits für gewöhnlich soviel, wie ein Durchschnittsmensch als Abendbrot zu sich nahm. Na dann, dachte ich zynisch, auf ins Verderben.

Ich stand auf und kletterte ebenfalls die Strickleiter hinunter. Es war still draußen, aber ein leiser Wind pfiff durch die Krone meiner Eiche. Das Gras raschelte sanft. Eine Nacht wie jede andere, könnte man meinen.

Bis auf den leisen Singsang, der den Weg hinauf kam.

Ganz leise hörte ich ein Lied in einer mir fremden Sprache durch die Nachtluft schwirren. Es klang himmlisch, geheimnisvoll, wie von einem anderen Stern. Verzaubert vom Klang dieses Liedes ging ich an Rubys Höhle vorbei und den Weg hinauf, und obwohl das Lied in einer fremden Sprache war, glaubte ich, Wörter herauszuhören.

 

Sage aus der alten Zeit

Wahrheit, Zukunft, Schicksalsruf

Lied erklingt, Stern erwacht

Hoffnung blüht, Flamm´ entfacht

Licht erglüht, Hilfe naht

Hilfe naht, Lied erklingt

Denn die Hoffnung zu uns spricht

Und was auch die Zukunft bringt

Lied macht, das Licht niemals erlischt

 

Für mich ergaben diese Worte keinen Sinn. Aber sie verzauberten mich umso mehr, zogen mich in ihren Bann, ließen mich nicht los. Blind tappte ich den Stimmen entgegen, ohne auch nur im Geringsten darüber nachzudenken, was ich tat. Das wurde bestraft: Ich stolperte über meine eigenen Füße und fiel der Länge nach hin.

Als ich die Augen wieder öffnete, sank eine schlanke, blasse Hand in mein Blickfeld. „Du bist hingefallen, Aerlinn!“ Ich sah mich kurz um. Anscheinend war wohl ich gemeint. Ich ergriff die Hand und lies mir aufhelfen.

Mein freundlicher Helfer war kein Hobbit, der Größe nach zu urteilen. Genau genommen war er sogar größer als ich, so dass ich zu ihm hinauf sehen musste. Auch sein Gesicht war blass und nicht annähernd so rund wie das eines Hobbits, sondern schmal und mit hohen Wangenknochen. Seine Züge waren ebenmäßig und glatt, weder alt noch jung, und von langem dunklem Haar umrahmt, welches zu einer kunstvollen Frisur verflochten war, aus der seine merkwürdig spitzen Ohren herausblitzten. Seine blauen Augen waren wie ein tiefer Fluss und anscheinend sah es sehr merkwürdig aus, wie ich ihn ansah, denn seine schön geschwungenen Lippen zogen sich zu einem sanften Lächeln.

„Aerlinn, sei nicht verwundert, mir ist klar, dass ich das erste Wesen meiner Art bin, das du zu Gesicht bekommt. Erlaube mir, mich und meine Gefährten vorzustellen.“ Erst jetzt wandte ich meinen Blick von ihm ab und erkannte, dass er nicht allein war. Zwei andere Wesen seiner Art, ebenso schön und merkwürdig, standen hinter ihm und lächelten stumm. Die eine Person war ein weiterer Mann, etwas kräftiger gebaut als mein eigentlicher Gegenüber, die andere eine Frau, blond und elfenhaft, schön wie Sonne und Mond zugleich.

„Mein Name ist Rhovan, und dies sind Edraith und Aduial, meine Geschwister.“ „Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen, Aerlinn Fileglîr“, sagte die junge Frau, Aduial, leise und verneigte sich anmutig. „Die Freude liegt allein bei mir“, sagte ich höflich. Aduial kicherte, glockenhell klang ihr Lachen, wie Morgentau auf einem Rosenblatt.

„Wer seid ihr?“, fragte ich verwirrt. Alle drei lächelten auf ihre ganz eigene, elegante Art und Weise. Es war Rhovan, der sprach. „Wenn du es noch nicht weißt, dann liegt es nicht in unserer Macht, dir das zu sagen. Nur eines: Wir sind weder wie du, noch wie jene, bei denen du lebst. Wir sind Elben, soviel ist mir gestattet, dir zu erklären. Aber in welchem Auftrag wir hier sind, muss unsere Angelegenheit wohl bleiben, bis du selbst es errätst, Aerlinn.“

„Weshalb nennt ihr mich so? Dies ist nicht mein Name.“ „Ich widerspreche dir nur ungern, aber oh doch, dies ist dein Name, einer von vielen, du hast ihn nur noch nicht angenommen. Doch wenn es dir lieber ist, so werde ich im weiteren Verlauf des Gespräches einen der anderen Namen nutzen, die du trägst. Welchen der vielen bevorzugst du?“

Ich zählte gedanklich nach. Alina Pausback, Aerlinn Fileglîr und der Name, den ich in München getragen hatte, der Name, den ich schon fast vergessen hatte aus dem Leben, das nicht mehr das meine war. Drei Namen, mehr als eine durchschnittliche Person hat, doch dies waren längst nicht viele Namen. Aber das war jetzt nicht von Bedeutung oder Wichtigkeit. „Nenn mich doch bitte Alina, dieser Name ist bereits mein Selbst.“

Rhovan nickte freundlich. „Wieso könnt ihr mir nicht verraten, weshalb ihr mich aufsucht?“ fragte ich hastig. Dann fügte ich hinzu, die Schamesröte im Gesicht: „Nicht, dass mich euer Besuch stören würde oder mir missfiele…versteht mich bitte nicht falsch…“ „Schäme dich nicht, Alina“, wisperte Aduial sanft. „Es ist nur natürlich, dass du fragst, das würde jeder tun.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Aber verraten dürfen wir es noch nicht, wie bereits erwähnt.“

„Solange du den eigentlichen Grund nicht errätst, begnüge dich mit der Antwort: Wir achten auf dich, damit dir nichts geschieht und es dir wohl ergeht“, antwortete Edraith, Rhovans Bruder, auf meine Frage. „Wieso sollte es das nicht? Michelbinge ist doch ein friedlicher Ort, ich wüsste nicht -„ „Das wirst du noch erfahren. Auf Wiedersehen. Und glaube mir, das wird es geben.“ Mit diesen Worten gingen die elbischen Geschwister langsam den Weg wieder hinauf.

„Wartet!“, rief ich ihnen hinterher. „Was bedeutet das alles hier?“

Die Schönen drehten sich ein letztes Mal zu mir um. Sie lächelten gütig. „Das wirst du noch erfahren.“ Dann verschwanden sie endgültig.

 

„Alina? Alina, ist alles in Ordnung?“ Rubys besorgte Stimme tönte aus der Hütte. Ich drehte mich zu ihr um. „Alina, Liebes, du bist ja ganz blass. Komm…“ Sie nahm mich beim Ellenbogen und führte mich in ihre kleine Behausung. Die kleine Hobbit-Frau bugsierte mich zu einem Stuhl und half mir, mich zu setzen. „Alina, hast du irgendetwas Unheimliches gesehen? Du siehst aus wie ein Stück Kreide.“ Ich fasste mich. „Es – Alles in bester Ordnung, Ruby, ich…“ Ich unterbrach mich. Eine Idee war in meinem Kopf erwacht. „Beherrscht jemand im Dorf die Elbensprache?“ Ruby sah mich verwirrt an. „Elbensprache?“, wiederholte sie erstaunt. „Wieso?“ „Da draußen… Ich bin Elben begegnet, Ruby.“ „Elben? Wahrlich, das ist selten… Was wollten die?“ „Ich weiß es selbst nicht genau…“ „Und du brauchst einen Übersetzer um es zu wissen?“ „Ja, so ungefähr.“ Ruby nickte nachdenklich.

„Ich glaube, Mirko Strammbeins Vater, Milo Strammbein weiß ein wenig… Aber ob das reicht…“ „Ich kann es nur versuchen.“ „Gut. Dann wäre das geklärt. Und jetzt isst du was. So blass wie du aussiehst hast du es ja anscheinend noch mehr nötig als vorher.“

 


 

Am nächsten Morgen machte ich mich sofort auf den Weg zur Höhle der Strammbeins. Familie Strammbein wohnte ganz am Rand von Michelbinge, wo die Höhlen etwas größer waren als weiter innen im Dorf.

Ich beugte mich nach unten und klopfte an die rote runde Tür. „Wer will was von mir?“ antwortete eine krächzende Stimme mit einem feindseligen Unterton. Das wunderte mich überhaupt nicht. Milo Strammbein war schon immer etwas… nennen wir es „eigen“.

„Herr Strammbein, ich brauche Ihren kundigen Kopf!“ rief ich. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Milo Strammbeins rundes, mürrisches, krähenfüßiges Gesicht schaute heraus. „Wenn ich jedem mein Wissen weitervermitteln würde, dann hätte ich ja niemals meine Ruhe. Was genau willst du wissen?“

„Ich hatte letzte Nacht Besuch von –„ „Interessiert nicht!“ krähte Herr Strammbein dazwischen und knallte die Tür vor meiner Nase zu. „- Elben…“ beendete ich meinen Satz trotzdem. Langsam öffnete die Tür sich wieder. „Elben, sagst du?“ „Ganz Recht, Herr Strammbein. Elben.“ „Das… sehr seltene Angelegenheit… wahrlich, sehr selten… muss was zu bedeuten haben…“

Weiter solche halben Sätze murmelnd wuselte Milo Strammbein zurück in seine Höhle und ließ die Tür offen stehen. Unsicher, ob ich Recht tat, folgte ich ihm in gebückter Haltung.

Das Haus der Strammbeins war sehr groß, aber auch sehr voll. Zwar wohnten seit dem Tod von Milos Frau Ella nur noch er und Mirko hier, aber die Höhle war voll gestopft mit Büchern, Karten, Truhen mit unbekanntem Inhalt, Schreibfedern, Pergamentrollen und anderem Kram dieser Art.

Ich schlängelte mich durch das Durcheinander, so gut es ging, immer dem Gemurmel des alten Strammbeins hinterher. Als ich ihm in einem besonders großen, aber auch besonders voll gestopften Salon fand, blätterte er bereits in einem dicken, in Leder gebundenen Buch.

„Hier muss doch irgendwo…“ murmelte er geschäftig. Endlich fand er, wonach er suchte. Er rief, ohne den Blick zu heben: „Komm herein!“ „Ich bin schon drin“, antwortete ich gelassen.

Milo blickte mich kurz an, dann schüttelte er den Kopf, sah wieder auf die vergilbten Seiten seines Buchs und murmelte etwas von der unfreundlichen Jugend heutzutage.

„Weißt du was die Elben von dir wollten?“ „Deshalb bin ich hier, ich weiß es nicht. Mir wurde gesagt, sie könnten es mir erst verraten, wenn ich herausfände, was der Name bedeutet, den sie mir gaben.“ „Und der wäre?“ „Aerlinn Fileglîr.“ Milo nickte und fuhr mit dem Finger über die Seite, schien aber nicht das Gesuchte zu finden, blätterte weiter und begann vom neuen mit Suchen.

Ich trat ein paar Schritte näher heran und erkannte, dass er eine Tabelle mit vier Spalten vor sich hatte. In der ersten Spalte befanden sich Wörter in einer fremden Schrift, wahrscheinlich elbisch, daneben das Wort in normaler Schrift, in der dritten Spalte war das Wort in Lautschrift niedergeschrieben und in der letzten Spalte befand sich das Wort in unsere Sprache übersetzt.

„Fileg heißt Vogel… Aber der Rest… schwierig, schwierig… Hast du etwas mit Vögeln zu schaffen?“ „Inwiefern?“ „Hast du eine besondere Bindung zu Vögeln?“ „Nicht das ich wüsste.“ „Dann kann ich dir auch nicht weiterhelfen. Tut mir Leid“, brummte der alte Strammbein.

Ich stöhnte auf. „Hör zu, Alina, die Elben geben nichtelbischen Wesen nur aus besonderen Gründen einen Namen in ihrer Sprache. Aber ihre besonderen Gründe sind eben so undurchsichtig wie sie selbst und wenn du den Grund weißt, so wird er dir vielleicht klein und unwichtig erscheinen. Aber für die Elben wird er unter Umständen die Welt bedeuten. Ich kann dir nur soviel raten: Geh fort aus Michelbinge und reise durch Mittelerde. Geh fort aus dem Auenland. Suche fremde Orte auf, erweitere dein Wissen und vielleicht erfährst du dann mehr. Hier im Auenland wirst du die Lösung nicht finden, selbst wenn du noch so verzweifelt danach suchst. Die Lösung, Alina, liegt in dir. Du musst dich selbst kennen lernen und dich selbst begreifen, wenn du die Lösung erfahren willst.“

„Woher wissen Sie so viel über die Elben? Woher wissen Sie, was ich tun muss und was mir helfen könnte? Und woher soll ich wissen, ob ich Ihren Worten trauen kann? Sie sind doch nur ein alter Hobbit, wahrscheinlich genauso fressbegierig und den Abenteuern abgeneigt wie jeder andere in Michelbinge. Woher soll ich wissen, dass sie ihr vermeintliches Wissen nicht einfach nur zusammen gesponnen haben bei einem starken Bier in der nächsten Dorfschenke?“ Ich wusste selbst nicht genau, warum ich so misstrauisch gegenüber dem alten Hobbit war, geschweige denn, warum ich meine Wut über das Geheimnis, dass sich mir nicht erschloss, an dem armen Strammbein ausließ. Mir reichten diese ganze Geheimniskrämerei und das Desinteresse der Hobbits daran einfach nur bis zum Hals.

„Pass auf was du sagst, Alina Pausback! Ich habe dich nicht gebeten hierher zu kommen und mich mit Fragen zu löchern! Wage es, mir solche Dinge vorzuwerfen! Was denkst du, wer Mirko die Neugier an den Dingen außerhalb von Michelbinge anerzogen hat? Was meinst du, wer diese ganzen Karten, Bücher und Schriften verfasst hat, die mein Haus füllen? Das waren keine Menschen, Elben oder Zwerge. Das war fast gänzlich meine Arbeit! Ich bin durch Mittelerde gereist, Jahre lang, bis ich mich nach Ruhe sehnte und mich hier in Michelbinge niederließ, eine Hobbit-Frau fand, die unverheiratet und bereit war, auch einen alten verrückten Kauz wie mich zu nehmen und eine Familie gründete. Habe Respekt vor dem Alter, auch wenn es nur ein alter dummer Hobbit ist, dem gegenüber du so unverschämt und arrogant wirst. Auch wenn es die meisten vergessen und die meisten Hobbits das Klischee ordentlich bedienen: Unser Volk ist durchaus in der Lage, die gleichen Heldentaten und Abenteuer zu überstehen wie jeder Großer, wenn nicht sogar noch mehr.“ Während er diese Wort polterte schien der kleine faltengesichtige Hobbit größer zu werden, währen ich schrumpfte und zurückwich. Seine Worte hallten trotz der vielen Dinge in diesem Raum von den Wänden wieder und schepperten in meinen Ohren. Dann beruhigte Milo Strammbein sich wieder. „Wenn du meine Hilfe nicht annehmen willst, dann lass es bleiben. Mach was du denkst, mich geht die Sache nichts mehr an. Und nun verschwinde aus meinem Haus, aber plötzlich!“

Ich tat wie mir geheißen und verließ die Höhle der Strammbeins. Schnellen Schrittes ging ich die Straße hinauf ins Dorf hinein, vorbei an allerhand Hobbits. Alle grüßten mich freundlich, der Dorfbäcker wollte mir ein frischgebackenes Stück Kuchen anbieten und viele wollten sich mit mir unterhalten, aber ich stürmte an ihnen vorbei, ohne auch nur einen Blick an eines der runden, wohlwollenden Gesichter zu verschwenden. Ich fühlte in mir eine merkwürdige Mischung aus Rage, Furcht und Nachdenklichkeit, ein Wirrwarr aus Gedanken und Gefühlen, die in mir tobten. Ich rannte auch an Ruby und Edgar vorbei, die mich verwundert ansahen, und kletterte in mein Baumhaus. Ich musste nachdenken. Lange.

2

Aufbruch

 

Wochen verbrachte ich in meinem Baumhaus. Wochenlang dachte ich über Milo Strammbeins Worte nach, dachte darüber nach, ob ich nicht doch seinen Rat befolgen und seine Hilfe annehmen sollte. Ob ich nicht doch tatsächlich gehen sollte.

Aber konnte ich sie verlassen, all diese niedlichen, gutmütigen, hilfsbereiten Hobbits, die ich in einer so kurzen Zeit so lieb gewonnen hatte? Nur anderthalb Jahre hatte ich in Michelbinge verbracht. Oder sollte man sagen schon anderthalb Jahre? Ich konnte es nicht sagen, aber beim Gedanken ans Fortgehen schien es mir zu wenig, angesichts des Dableibens schien es mir ungeheuer viel.

Ich wog alle Argumente, jedes kleinste Für und Wieder x-mal ab. Zum einen war ich ungeheuer neugierig, diese noch so unglaublich fremde Welt außerhalb des Auenlands zu erforschen. Ich wusste schließlich, dass die Hobbits nicht das einzige Volk in dieser sonderbaren Welt waren. Die Elben hatte ich bereits gesehen, und ich sehnte mich nach einer Wiederholung eines solchen Zusammentreffens. Zudem hatte Milo von Zwergen gesprochen und ich hatte auch schon gehört, dass es in Mittelerde auch Menschen wie mich (oder vielleicht auch ganz anders) geben sollte. Ich wusste, dass es unwahrscheinlich war, dass es nur diese grünen Wälder und Felder und Bächlein und Teiche gab. Wer wusste schon, was es da draußen noch gab? Wüsten, Meere, Gebirge, was mich alles erwarten könnte? Wenn ich an diesem Gedanken angelangte entfuhr mir oft ein Seufzer. Milo Strammbein wusste es. Aber mein Stolz verbot mir, ihn mit diesen Fragen zu löchern.

Dagegen sprach, dass ich mich dann von meinen neuen, verständnisvollen Freunden trennen müsste. Ich hätte keine Ruby mehr, die mir vorwarf zu wenig zu essen, keinen Mirko, mit dem ich herumstreunen konnte und zuallerletzt kein Auenland mehr, in dem ich herumstreunen konnte. Mir war nur allzu bewusst, dass mich auf meiner Reise vor allem die Einsamkeit begleiten würde. Und davor hatte ich Angst.

In der Zeit, die ich mit Nachdenken und Abwägen verbrachte, versorgte mich Ruby, indem sie mir fünfmal täglich ein Tablett mit einer Mahlzeit hinaufbrachte und schweigend abstellte. Ich war ihr dankbar für ihre Schweigsamkeit, aber manchmal wünschte ich, sie würde mit mir sprechen und mir meine Entscheidung erleichtern oder ganz abnehmen.

Nachdem ich ungefähr einen Monat in meinem Baumhaus gehockt hatte kam Ruby wieder einmal herauf geklettert, um mir mein Mittagessen zu bringen. Sie ging aber nicht gleich wieder wie sonst, sondern blieb regungslos stehen.

„Ist etwas?“ fragte ich, gleichgütig, aber auch etwas besorgt.

„Milo Strammbein…“ begann sie, dann stockte sie und brach ab. „Was ist mit ihm?“ Es war merkwürdig. Wollte er noch mal mit mir sprechen? War er selbst abgereist? Was war geschehen? „Er ist heute früh gestorben.“ Ruby senkte den Blick.

„Oh“, war alles, was ich hervorbrachte. Also hatte ich mit meinem Stolz die Zeit vergessen. Und es war zu spät, ich könnte seine Hilfe nicht mehr annehmen. Und ich schämte mich für meine egoistischen Gedanken, die mir als erstes bei dieser scheußlichen Nachricht kamen.

„Das Begräbnis findet heute Abend statt, auf dem Dorfplatz treffen wir uns. Ich würde mich freuen, wenn du kommen würdest, und ich glaube, Mirko wäre das auch sehr lieb.“

Ich nickte langsam. „Ja, ich glaube, dass bin ich auch dem armen Herrn Strammbein schuldig…“ „Willst du mir nicht erzählen, was los ist?“ fragte Ruby besorgt. „Seit Wochen hockst du hier in deinem Haus und sprichst mit niemandem… Grübelst vor dich hin, isst nicht einmal halb so viel wie sonst, versteh mich recht, auch sonst isst du zu wenig… Ich mache mir Sorgen. Sag, was ist damals in Milos Haus passiert, was dich in einen solchen Zustand versetzen konnte?“

Ich atmete lange aus. „Wir… Ruby, es kann sein, dass ich fort muss aus dem Auenland.“ Ruby sah mich entsetzt an. „So handfest war euer Streit? Aber Alina, Milo ist nun tot und es scheint nicht, als ob er vorher eine Fehde angezettelt hätte – „ „Nein, du verstehst mich falsch… Erinnerst du dich an diese Nacht, in der die Elben hier waren und zu mir sprachen?“ „Natürlich!“ „Und dass ich nicht wusste, weshalb sie mich aufsuchten?“ Ruby nickte erneut. „Milo riet mir, das Auenland zu verlassen, Mittelerde zu erkunden, um mich selbst besser kennen zu lernen und die Lösung auf diese Frage zu finden. Das war, bevor wir stritten. Aus Wut über meine Ungewissheit warf ich dem Herrn Strammbein vor, ein Narr zu sein, der sein Wissen über ein so geheimnisvolles Volk wie die Elben aus Wirtshausgesprächen entnommen hätte…“ gestand ich mit schlechtem Gewissen. Ich schluckte. Ich war so töricht gewesen.

Ruby nickte schweigend. „Ich verstehe dein Zweifeln, und ich verstehe deine Unsicherheit, aber du tatest Unrecht, ihn derart zu beleidigen. Ich kenne Milo, und ich weiß, dass er lange fort gewesen ist, vom Erdboden des Auenlandes verschluckt. Keiner weiß genau, was er in dieser Zeit trieb, aber er wurde von Elben zurückgeleitet. Deshalb bin ich beinahe sicher, dass er mit ihnen verkehrte, als er fort war. Aber gräme dich nicht länger, Alina. Ändern kannst du nichts mehr, und ich bin sicher, wenn du weise bist und seinen Rat befolgst, dann verzeiht er dir, wo immer er nun ist. Gehst du zur Bestattung?“ Ich nickte.

 

„…und so geht er, als einer der weisesten Hobbits, die je unter uns weilten. Erheben wir unser Glas auf Milo Strammbein, den verrückten und doch klugen Ehrenmann.“ Viele Hände, die Hände von beinahe ganz Michelbinge, erhoben sich mit vollen Weingläsern, Bierhumpen, Apfelsaftflaschen und anderen Getränken. „Auf Milo“, murmelte die versammelte Dorfgemeinschaft leise. Dann begab man sich zu Tisch, um zu speisen. Ich jedoch vermochte es nicht, in diesem trauervollen Moment zu essen. So blieb ich allein am Rande des Dorfplatzes stehen und nippte an meinem Rotwein.

„Du willst fort.“ Diese Worte, die ich aus Mirkos Mund hörte, der wie aus dem Boden gewachsen auf einmal neben mir stand, waren keine Frage. Sie waren eine Feststellung. Es brachte nichts, es zu leugnen. Mirko war mir ebenso wie Ruby vollkommen freundlich gesinnt und verdiente es, diese Neuigkeit zu erfahren. Also nickte ich. „So ist das also. Und warum bist du dann nicht längst weg? Stattdessen dümpelst du seit Wochen in deinem Haus vor dich hin, das scheint mir merkwürdig.“ „Ich war mir nur unsicher in meinem Entschluss, das ist alles. Aber nun steht es fest. Ja, ich werde das Auenland verlassen, und das bald. Vielleicht sogar schon heute Nacht. In aller Stille. Ich will keine Feier und kein Aufsehen. Ich werde einfach irgendwann weg sein. Du und Ruby sollt die Einzigen sein, die Bescheid wissen.“ Mirko schwieg, und ich schwieg mit ihm.

„Lass mich mit dir gehen“, sagte er auf einmal unvermittelt. Ich sah ihn an. „Mirko, ich werde das Auenland verlassen.“ „Ich weiß. Und ich will mit dir gehen.“ Ich blickte ihn verwundert an. „Wieso? Was bewegt dich, dein Heim und dein bequemes Leben hier aufzugeben?“ „Ein einsames Heim ist es, und ein langweiliges Leben. Jetzt, wo mein Vater nicht mehr da ist, wird meine Höhle leer sein, lediglich sinnlos voll von Büchern und anderen Dingen, die ich nicht brauche und mich doch nicht traue wegzugeben, da es doch meines Vaters wertvollster Besitz war. Und langweilig wird mein Leben hier sein, wenn du nicht mehr hier bist, denn ich werde niemanden mehr haben, mit dem ich das Auenland erforschen kann. Und zuallerletzt wäre es doch eine nette und interessante Neuerung, durch ganz Mittelerde zu wandern anstatt nur durch unsere Heimat. Zudem würde ich damit meinem Vater alle Ehre erweisen.“

„Aber du kannst dir eine Frau suchen! Gründe deine eigene Familie. Dann ist deine Höhle nicht mehr leer und dein Leben auch nicht einsam, und Langeweile wird erst Recht nicht aufkommen.“ „Aber ich will mir keine Frau suchen und keine Familie gründen. Vielleicht später einmal, aber jetzt fühle ich mich noch zu jung und brauche Freiheit.“

Ich seufzte. „Es ist deine Entscheidung. Aber es ist mir lieber, jemanden bei mir zu haben als allein zu sein.“ „Mein Vater hatte viele Karten von Mittelerde, wir können ein paar davon mitnehmen. Außerdem stehen bei uns noch zwei große Rucksäcke herum, die wir auch gut gebrauchen können.“ Mirko begann sofort wild zu planen. Ich hörte einfach zu und nickte hier und da. Das könnte ja heiter werden.

 

In der nächsten Nacht kam Mirko leise und behände meine Eiche hinaufgeklettert. Es war schon so spät, dass sich keiner der anderen Hobbits noch auf den Straßen herumtrieb und wir deshalb ungestört blieben. Ich hatte meine Kleidung, Kochgeschirr und etwas Proviant in den großen Rucksack, den Mirko mir überlassen hatte, gepackt und bequeme warme Sachen angezogen. Am Tag zuvor hatte ich Ruby noch darum gebeten, mein Haus in gutem Zustand zu erhalten und allen, die fragten, zu erzählen, sie wüsste selbst nicht, wohin ich gegangen sei.

„Bist du soweit?“ fragte Mirko leise. Ich nickte und schulterte den Rucksack. Dann kletterten wir hinab. Eine sanfte nächtliche Brise wehte mir durchs Gesicht. Obwohl es Winter war im Auenland war es recht angenehm und vergleichsweise sogar warm. Im Auenland gab es nur sehr selten Schnee.

Unten stand ein braun geschecktes Hobbitpony, auf dem ein paar weitere Gepäckstücke geladen waren. „Was zur Hölle nimmst du alles mit?“ Mirko zuckte mit den Schultern. „Vor allem Proviant, man kann davon nie genug haben. Außerdem ein paar Karten von den verschiedenen Teilen von Mittelerde, die können sicher brauchbar sein, ein paar Bücher, Seil, Decken, alles was man halt so gebrauchen kann auf einer langen Reise.“ „Na, ich hoffe doch, dass unsere Reise nicht allzu weit gehen muss, bis ich etwas Klarheit bekomme.“ „Das hoffe ich auch. Oder ich glaube, es zu hoffen, denn ich bin nicht sicher, ob ich lieber bald hierher zurückkehren oder den Rest Mittelerdes erkunden will, bis ich alles kenne und es Leid bin.“ „Mir geht es ähnlich… Es ist schön zur reisen, das fand ich schon immer auch bevor… ich nach Michelbinge kam. Aber genauso schön ist es, nachhause zu kommen.“

„War sie groß, die Welt, in der du gelebt hast?“ „Ja. Sehr groß. Zu groß. Ich habe nie alles gesehen.“ „Was hast du denn gesehen?“ „Meere, Flüsse, Berge, aber nur innerhalb von Europa.“ „Ist Europa dein Land? So wie das Auenland?“ „Nein, ein Kontinent, so groß wie Mittelerde. Mein Land heißt Deutschland.“ „Ah…“

Ich konnte Mirko ansehen, dass es ihn zwar interessierte, aber dass er es nicht verstand. Der Wissenschaftler in ihm wollte alles über diese fremde Welt wissen, aber es war für ihn verschlossen. „Wenn ich jemals einen Weg finden sollte, wieder zurück in meine Welt zu gelangen, werde ich dich mitnehmen, wenn es dich danach verlangt“, bot ich ihm an. Er schwieg, schien alles abzuwägen, dann antwortete er: „Das entscheide ich, wenn es so weit ist.“ Ich nickte kurz.

„Lass uns aufbrechen, sonst ist die Nacht vorbei, bevor wir das Dorf verlassen haben und du bekommst doch noch deine Abschiedsfeier.“ Ich nickte wieder und lief los. Mirko führte das Pony. Wir liefen schweigsam und auf leisen, nackten Sohlen den Weg hinauf in Richtung Dorfrand. Still und heimlich verließen wir Michelbinge.

 

Als der Morgen graute waren wir bereits am Drei-Viertel-Stein, von dem aus das Auenland in das Süd-, das Ost- und das Westviertel geteilt wurde. Wir bogen ab und gingen die Grenze zwischen Ost und West entlang Richtung Norden. Unser erstes Ziel, das wir aufsuchen wollten, war der Nenuial, was in der Gemeinsprache Abendrotsee hieß.  In den Aufzeichnungen von Milo Strammbein war von wundervollem klaren Wasser die Rede, in dem sich nachts die Sterne spiegelten, so deutlich, dass einem dünkte, man sehe Diamanten und andere Edelsteine am Grund des Wassers glitzern. Auch wenn ich mir nicht im klaren darüber war, ob mir dieser Ort helfen könnte beim Lösen meines Rätsels, so war ich doch sicher, dass es auf alle Fälle interessant sei, diesen erhabenen Anblick zu genießen. Außerdem wollte ich Mirko nicht enttäuschen, der diese Fahrt auch nutzen wollte, um seinem Vater alle Ehre zu erweisen.


 
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